25. April 2025
Die Gangs des Mars
Ein Aufeinandertreffen mit der Redrog-Gang fördert erschütternde Erkenntnisse zutage.
Erstellt von
Matthew Cerami

Die Gangs des Mars
Der marsianische Himmel glich einer Leinwand – blutrot, ockerfarben.
Kommandeur Kael stand vor den befestigten Mauern von Basis Alpha-7. Die einst blühende Kolonie ähnelte nun einer Festung. Ihre turmhohen Bauten waren von den unablässigen Angriffen des Schwarms gezeichnet. Die einst friedfertigen Insektoiden waren zu Feinden geworden.
Kaels Blick streifte über den Horizont, wo die Überreste eines kürzlichen Gefechts vor sich hin glimmten. Die Streitkräfte der Union hatten schwere Verluste erlitten und die Mutationen des Schwarms entwickelten sich mit alarmierender Rate. Der Grund für ihre Aggression war nach wie vor ein Mysterium.
Einst strotzte Basis Alpha-7 nur so vor Optimismus für die Zukunft der Menschheit. Nun wirkte hier alles kalt und gespenstisch. Wie ein Grabstein in der endlosen Dämmerung des Mars.
Kael kniete in ihrem Schatten nieder und strich mit seinen Fingern über den Boden.
„Kommandeur“. In seinem Neuralink ertönte plötzlich eine Stimme. Leutnant Yaras Worte klangen abgehackt. „Die Orbitalscans zeigen Bewegungen. Ungefähr sechs Klicks Richtung Westen. Schwere Charakteristik. Könnte ein Bohrer sein.“
Kael stand auf. Seine Exo-Rüstung machte ein schleifendes Geräusch. Von den Servos fiel Sand zu Boden. „Kann sein. Oder das ist wieder ein Redrog-Ablenkungsmanöver.“
Die Redrogs, eine bösartige Bande blutrünstiger gesetzloser Deserteure der Union. Sie hatten sich das Chaos des Krieges zunutze gemacht, um ihre eigenen, finsteren Machenschaften zu vertuschen. Nur wenige kannten die wahre Stärke ihrer Streitmacht. Noch weniger wussten über ihre Pläne Bescheid.
„Wir haben kaum noch Kerne. Wenn das wahr ist –“
„Dann werden wir reagieren.“ Kael blickte erneut die Überreste des Lagers an. Ein Dutzend mitgenommene Trooper, ein behelfsmäßiger Generator und eine hastig geflickte Biokuppel, die mehr Strahlung als Sauerstoff filterte. „Versammelt die Einheit.“
Während sich das Team zusammenrottete, überprüfte Kael seine Ausrüstung. Alles erschien nur noch grenzwertig: 28 % Energie, flackernde Schilde, ein mit Smart-Kleber notdürftig repariertes Pulsgewehr. Aber Scheitern war ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte – nicht hier auf dem Mars. Nicht in diesem Krieg.
Die Mission war einfach: den Bohrer stehlen, seinen Kern extrahieren und den Traum für eine weitere Woche am Leben erhalten.
Sie erreichten die Anhöhe über der Zielzone gerade, als die Sonne hinter dem Olympus Mons unterging und sich der Himmel blutrot und orange färbte. Unter ihnen stand der Bohrer. Halb vergraben, immer noch mit von der geothermischen Hitze erwärmten Grabklauen. Aber irgendetwas erschien seltsam.
„Keine Wachen?“, flüsterte Yara.
„Zu einfach“, murmelte Kael. Und dann – sah er sie. Keine Wachen. Keine Menschen.
Synths.
Dutzende von ihnen. Gesichtsloses Chrom unter sandpolierter Panzerung. Das verräterische Brummen von Redrogs eigener KI erklang durch die Ebene. Sie bewegten sich mit gespenstischer Präzision und umkreisten den Bohrer wie Ameisen, die ihre Königin verteidigen.
„Die Aufklärung hat nichts davon erwähnt“, zischte Yara.
„Das war ein Köder“, antwortete Kael. Er hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch.
Plötzlich wurde die Stille von Gewehrfeuer zerrissen. Kael duckte sich, rollte sich zur Seite und erwiderte sofort das Feuer. Ein Plasmablitz erhellte den gesamten Bergrücken. Einer seiner Männer – Tomas – war bereits getroffen. Seine Panzerung war zu Schlacke zerschmolzen.
In Kaels Neuralink erklangen unzählige Stimmen. „Hinterhalt! Wir sind umzingelt!“
Er zögerte keine Sekunde. „Rückzug zu B-4. Gebt euch gegenseitig Deckung. Los!“
Als sich sein Team zerstreute, blieb Kael selbst zurück, um das feindliche Feuer auf sich zu ziehen. Jede Kugel, die er dem Feind entlocken konnte, würde seinen Leuten wertvolle Zeit verschaffen.
Mitten im Chaos – die Schreie der Soldaten und das Kreischen der Synths vermengten sich zu einem kakophonischen Albtraum – erklang plötzlich wieder Yaras Stimme über das Neuralink. Ihre Stimme überschlug sich vor verzweifelter Panik und Ungläubigkeit.
„Kommandeur ... Das ... ist unmöglich ... Ich erkenne Schwarmbewegungen! Schwärme, durch den Bohrer!“
„Durch den Bohrer?!“, schrie Kael. Es ergab keinen Sinn. Es war unmöglich. „Graben diese Bastarde sie denn aus?!“
„Sie sind ... überall ...“
„Übertragung an die Orbitals. Ruft die Mecha-Krieger herunter! Ruft sie, damit–!“
Ein Synth stürmte auf ihn zu. Er duckte sich unter dessen Klinge hinweg, rammte eine Granate in seine Brust und trat ihn wieder in Richtung seiner Brüder zurück.
Bumm.
Die Druckwelle schleuderte ihn zu Boden. Roter Staub füllte seine Lungen. Sein Visier zerbrach, die Displayanzeige flackerte. Er versuchte aufzustehen – seine Beine verweigerten. Schmerz schoss durch seine Wirbelsäule.
Dann: Stille.
Eine Gestalt blickte auf ihn herab. Synth? Nein.
Mensch.
Die Panzerung war zerfetzt und mit Stacheln, Spitzen, Blut und Zähnen übersät – und mit dem Redrog-Siegel gekennzeichnet. Die Gestalt nahm ihren Helm ab. Das Gesicht einer Frau. Kantig. Vertraut.
„Hallo, Kael“, sagte sie.
Sein Blut erstarrte.
„Syl–? Du bist tot. Ich habe den Unfall gesehen ...“
„Die Berichte über meinen Tod“, sprach sie, während sie über ihm kniete, „waren deutlich übertrieben.“
Seine alte Kameradin. Seine Waffenschwester. Seine Verräterin.
„Du hast uns verraten“, knurrte er.
„Ich habe mich verändert“, entgegnete sie. „Das ist ein Unterschied.“
Irgendwo außerhalb der Sichtweite erwachte der Bohrer durch Synth-Hand zum Leben – umkreist von einem unglaublich gehorsamen Schwarm, der nach oben schwoll, als befände sich ein Leck im Sand. „Die Redrogs wollen keinen Krieg mehr, Kael. Sie wollen Kontrolle. Und sie werden sie kriegen. Schließ dich uns an.“
Er spuckte Blut.
„Eher würde ich sterben.“
Sie seufzte, stand auf und wandte sich ab.
„Auf dem Mars“, meinte sie, „lässt sich alles arrangieren.“